August 2016 | Linda Kolly, Journalistin BR

Verbesserungskultur

Verbesserungskultur

Das Magazin liegt frisch gedruckt auf dem Tisch. Es ist vollbracht, nun kann es seine Reise zur Leserschaft antreten. Da trifft die Meldung ein «Fehler im Heft!». In solchen Momenten stockt jeder Redaktion der Atem. Noch schlimmer ist es, wenn die Meldung lautet «Fehler auf der Titelseite». Dann droht der Atem ganz auszusetzen. Bei der vergangenen Ausgabe des «transporter» ist genau dieser Fall eingetreten. Zwei Buchstaben verdreht, ausgerechnet in der Headline. Mehr als «Architketur» prangt da selbstbewusst in versalen Lettern, statt mehr als «Architektur». Der Super-GAU, kommentiert jemand lakonisch. Und trifft damit ins Schwarze, zumindest was die Gefühlslage der Redaktion betrifft. Da hat man im Vorfeld sämtliche Prozessabläufe korrekt eingehalten, internes und externes Lektorat engagiert. Und trotzdem haben es zwei Buchstaben geschafft, verdreht zu erscheinen und das menschliche Gehirn auszutricksen. Es ist tatsächlich so, dass der geübte Leser nicht mehr Buchstabe für Buchstabe nacheinander liest, sondern das Wort und seine Bedeutung sofort erkennt, wenn er es sieht. Deshalb lassen sich auch durcheinandergewürfelte Wörter erkennen, weil man sich an die Wörter mit ihren dazugehörenden Buchstaben erinnert. Im Grunde liest man nicht, sondern setzt bereits erlernte Wörter wieder sinnvoll zusammen – man «errät» das richtige Wort. Es handelt sich um die Tendenz des menschlichen Verstandes, vertraute Dinge respektive vertraute Wörter in zufällig Angeordnetem zu erkennen, obwohl sie in Wirklichkeit gar nicht vorhanden sind: Man erwartet ein bekanntes Wort und erkennt es dadurch auch in einer ähnlichen Anordnung. Das funktioniert vor allem dann, wenn es sich um ein Wort handelt, das jeder von uns relativ oft liest.

Freilich soll das nichts entschuldigen. Zerknirschung herrschte trotzdem. Aber es relativiert und zeigt auf, dass keiner vor Fehlern gefeit ist. Das zu akzeptieren, tut gut, denn es ist die Voraussetzung, noch bewusster seinem Handwerk nachzugehen und Verbesserungspotential aufzuspüren.